Konzentriert räumt Leon* die Waren ins Regal. Lange hat der 25-Jährige, der seit seiner Geburt mit einer Schwerbehinderung lebt, von einer Stelle im allgemeinen Arbeitsmarkt geträumt. Seit sechs Monaten arbeitet er nun als Verkäufer im „Lädchen für alles“ im südniedersächsischen Hann. Münden. Das zentrumsnah gelegene Lädchen sichert nicht nur die Nahversorgung der Menschen vor Ort, sondern schafft auch Perspektiven für einen inklusiven Arbeitsmarkt. Seit der Eröffnung im November 2024 wurden hier sieben Vollzeitstellen geschaffen – die Hälfte davon für Menschen mit Schwerbehinderung, wie Leon.
Ein Projekt, das Brücken baut
Dass Leon und andere Menschen mit Behinderung heute dort arbeiten können, ist kein Zufall: Das „Lädchen für alles“ zählt zu den Betrieben, an die KIAS – die Koordinierungsstelle für Inklusive Arbeit in Südniedersachsen – gezielt Arbeitskräfte mit Behinderung für den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Die im Jahr 2024 neu geschaffene Koordinierungsstelle, die es so nur in Südniedersachsen gibt, bringt Unternehmen und Menschen mit Behinderung zusammen, berät kostenlos bei der Gründung sogenannter Inklusionsbetriebe und hilft dabei, offene Stellen passgenau zu besetzen. Die Vision: ein Arbeitsmarkt, der niemanden ausschließt.
„Wir möchten mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in den Landkreisen Göttingen und Northeim schaffen“, betont Projektleiterin Dr. Katrin Creutzburg. Konkret bedeutet das: „In den drei Projektjahren von Mai 2024 bis April 2027 ist es unser Ziel, hier vor Ort drei Inklusionsunternehmen auf den Weg zu bringen, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten.“
Inklusion als Chance für Unternehmen
Dass viele Betriebe die Möglichkeiten eines inklusiven Arbeitsmarktes bislang nicht nutzen, liegt häufig nicht am fehlenden Willen, sondern an komplexen Strukturen: Die Vielzahl an Fördermöglichkeiten und Sonderregelungen ist für Unternehmen schwer zu überblicken. Viele zögern, bevor sie ausbilden oder einstellen – und verpassen damit wertvolles Potenzial. „Wir sprechen daher Unternehmen aktiv an, informieren über die Organisationsform von Inklusionsbetrieben, beraten und begleiten, wenn eine Gründung infrage kommt“, erklärt Creutzburg. „Und wir sensibilisieren für Themen, die vielen Betrieben kaum bewusst sind – etwa, dass Unternehmen Förderleistungen erhalten können, wenn sie mindestens 30 Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzen.“
Neue Wege für gute Arbeit
Wie gut Inklusion gelingen kann, erlebt Projektmitarbeiterin Katrin Schindler in ihrer täglichen Arbeit – etwa im „Lädchen für alles“ in Hann. Münden, in dem Leon arbeitet, oder im Seminar- und Gästehaus Einbecker Sonnenberg. „Inklusionsbetriebe zeichnen sich durch eine besondere Unternehmenskultur aus“, sagt sie. „Geduld, gegenseitige Unterstützung und individuelle Lernwege gehören dort selbstverständlich dazu.“ Neben der Vermittlung von Arbeitsplätzen berät KIAS Unternehmen auch zu flexiblen Arbeitsmodellen und individueller Arbeitsplatzgestaltung. „Viele Barrieren lassen sich mit kleinen Anpassungen abbauen“, so Schindler. „Flexible Arbeitszeiten oder Arbeitsorte kommen nicht nur Menschen mit psychischen Erkrankungen zugute, sondern auch Eltern oder pflegenden Angehörigen. So tragen wir dazu bei, Kriterien guter Arbeit flächendeckend zu stärken.“
Damit zahlt KIAS gleichzeitig auf die Querschnittsziele der Europäischen Union und des Landes Niedersachsen ein: Gleichstellung der Geschlechter, Chancengleichheit und Nichtdiskriminierung, nachhaltige Entwicklung und gute Arbeit. „Diese Ziele geben uns einen Rahmen vor, der hilft, vielfältige Perspektiven von Beginn an mitzudenken“, sagt Schindler und ist überzeugt: „So schaffen wir es, unsere Gesellschaft gerechter zu machen.“
Perspektiven für Menschen mit Behinderung
Neben Unternehmen profitieren auch Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen direkt vom Netzwerk. Projektmitarbeiterin Paula Baudis berät Ratsuchende und ihre Angehörigen. „Viele kommen mit einem klaren Berufswunsch. Dann prüfen wir vorhandene Kontakte oder sprechen neue Unternehmen an, damit niemand mit seinem Anliegen allein bleibt.“ Ihr Eindruck: KIAS stärkt nicht nur inklusive Strukturen in Unternehmen, sondern auch das Selbstvertrauen von Menschen mit Behinderung.
Europäische Förderung stärkt die Region
Das Land Niedersachsen fördert die Arbeit von KIAS aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) mit fast 333.000 Euro. Konkret handelt es sich dabei um Gelder aus der Förderrichtlinie „Zukunftsregionen“. Sie bietet Raum und Ressourcen, um konkrete regionalspezifische Herausforderungen gemeinsam mit Wirtschafts- und Sozialpartnern zu bewältigen und Chancen zu nutzen. Hinzu kommen Mittel der Landkreise Göttingen und Northeim, der Stadt Göttingen und der AWO Göttingen gGmbH.
„Die Idee gab es schon lange – aber ohne die Förderung durch den ESF+ wäre sie nicht umsetzbar gewesen“, sagt Projektleiterin Creutzburg. „Die europäischen Mittel ermöglichen es uns, als regionale Allianz konkrete Veränderungen anzustoßen: für Unternehmen, für Menschen mit Behinderung und für eine gerechtere Arbeitswelt.“
*Name geändert